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EDITORIAL AUSSTELLUNG 2017

Vor kurzem verbrachte ich ein Wochenende im Unterengadin, zu Besuch bei Jérémie Sarbach und Flurina Badel, die aus Guarda stammt. Die beiden stellten 2015 an der ersten «Zur frohen Aussicht» aus. Sie leben und arbeiten derzeit im ehemaligen Badehaus des 1864 errichteten Kurhaus Tarasp, wo seit über dreissig Jahren Künstler beherbergt werden. Die Schönheit der Landschaft und die pittoresken Dörfer haben mich an das Goms erinnert, wie auch die Gespräche über die Herausforderungen, die sich in beiden Tälern stellen. Guarda und Ernen erhielten in den siebziger Jahren den Wakkerpreis für ihr charaktervolles Dorfbild und vermarkten diesen bis heute touristisch. Das Gespräch mit einer älteren Frau vor der zur Bibliothek umfunktionierten Telefonkabine in Guarda – ein Projekt von Badel/Sarbach – hätte auch in Ernen stattfinden können. Sie betonte, wie wichtig es sei, dass die Leute im Dorfladen und nicht in Scuol einkaufen, um diese Infrastruktur und nicht zuletzt auch einen Treffpunkt, zu sichern. Es gilt, den Strukturen in den Dörfern Sorge zu tragen. Das fängt beim Einkauf an und hört beim Bezahlen der Kurtaxen auf.

Bei allen Gemeinsamkeiten scheinen die beiden Orte dennoch ganz anders zu ticken. Flurina Badel sagte einmal, dass sie Jérémies Herkunft – Heiligkreuz im Binntal – erst seit der Ausstellung in Ernen richtig verstehe. Man mag stutzig werden. Sind es nicht beides Bergdörfer wie sie im Buche stehen? Doch so markante Orte schreiben sich je verschieden in die Seele ein, sie hinterlassen individuelle Spuren in den Menschen. Deshalb gibt es auch kein Patentrezept für die nachhaltige Entwicklung von Bergdörfern. Jedes funktioniert nach seinen eigenen Regeln.

Das Unterengadin scheint gerade zu einem Hub der Kunst- und Kulturszene zu werden. Ob dies Segen oder Fluch ist, bleibe dahingestellt. Im Vergleich dazu geht es in Ernen beschaulich zu und her. Die Infrastruktur wird à jour gehalten, um die Abwanderung zu stoppen – was zu funktionieren scheint: Am BerglandHof werden innovative Wohn- und Landwirtschaftsformen gelebt, im Sommer sprüht das Dorf dank dem Musikdorf Ernen vor Leben. Demgegenüber stehen viele Wohnungen im Dorfkern leer, das Restaurant St. Georg am Dorfplatz findet keinen neuen Pächter, die Bäckerei keine neue Besitzerin. Aber Ernen ist nicht tot! Die kulturelle Infrastruktur – die Schule, die Vereine, kulturelle Veranstaltungen – belebt das Dorf und will natürlich auch unterhalten werden. Dazu tragen wir mit der «Zur frohen Aussicht» unseren Teil bei.

Die Wohnung meiner Mutter und ihrer Geschwister liegt direkt am Dorfplatz. Ich bin gern dort, mitten im Dorf. Von der Veranda kann man das Treiben auf dem Dorfplatz beobachten. Früher war der Dorfplatz der Ort, wo man sich traf. Aber ist er das immer noch? Die Frage, wie lebendig Ernen heute noch ist, tauchte bei einigen der eingeladenen Künstler/innen auf. Als wir Mitte März bei schlechtem Wetter ein Wochenende in Ernen verbrachten, war verständlicherweise kaum ein Mensch in den Gassen von Ernen unterwegs. Celia & Nathalie Sidler, Céline Liebi und Moritz Hossli blicken mit ihren Arbeiten denn auch hinter die Fassaden, an denen sie bei ihrem ersten Besuch abgeprallt sind. Liebi versuchte einige Dorfbewohner/innen besser kennenzulernen, die Zwillingsschwestern Nathalie & Celia Sidler diskutierten mit Einwohner/innen über die Vergangenheit und die Zukunft des Dorfes und Moritz Hossli vergass in privaten Spychern die Zeit. Die Walliser/innen Thomas Julier, Andreas Kalbermatter und Kathrin Zurschmitten knüpfen dagegen an ihre bestehenden Verbindungen zum Ort an.

Überzeugt davon, dass Kultur und Kunst auch ins Dorf gehören, dass sie wichtige Fragen aufwerfen, Denkprozesse in Gang setzen und einen Nährboden für die Zukunft bieten, freuen wir uns auf alle, die sich auf die ausgestellten Arbeiten einlassen. Insbesondere die Erner, Gommerinnen und Walliser. Und natürlich auch alle, die Ernen wegen der Kunst, Musik oder Bergwelt besuchen.

Josiane Imhasly, Kuratorin

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EDITORIAL AUSSTELLUNG 2015

Im Grunde geht Projekten wie der «Zur frohen Aussicht» meist ein persönliches Interesse und damit eine Portion Egoismus voraus. Das Persönliche ins Allgemeine übersetzend hofft man dann, bei anderen etwas auszulösen – Freude, Nachdenklichkeit, vielleicht auch Kopfschütteln. Die Ausstellung in Ernen gibt es also vor allem, weil Ernen mich selbst berührt. Zwar würde ich nicht sagen, dass ich auf der Suche nach «Heimat» war. Ich fand aber ein Gefühl, das Heimat sein könnte, fast zufällig im letzten Jahr (wieder), als ich viel Zeit in Ernen verbrachte: Der Ort, in dem meine Mutter mit ihren fünf Geschwistern aufgewachsen war, wo ich in meiner Kindheit oft gewesen bin und den ich in meiner Jugend vergessen hatte. Ich habe mich in Ernen und seine Umgebung verliebt und mir ist durchaus bewusst, dass eine Verliebte nicht gerade ein Ausbund an Objektivität ist. Vielleicht habe ich deshalb sieben Künstler/innen und zwei Publizist/innen eingeladen, über Ernen nachzudenken, den Ort zu erfassen und so ein «Wahrnehmungsmosaik» zu schaffen, das hoffentlich objektiver ist als mein Eigenes. Meine gute Freundin Daniela Janser hat meine Ernen-Verliebtheit immer etwas amüsiert beobachtet. Sie ist in einem Dorf im Kanton St. Gallen aufgewachsen, in der Stadt glücklich geworden und hat natürlich einen ganz anderen Blick auf dörfliche Strukturen als ich. Was sie zu Ernen und «Zur frohen Aussicht» zu sagen hat ist auf S. 19 nachzulesen.

Ausgangspunkt für die Ausstellung war ein gemeinsames Wochenende mit den Künstler/innen Flurina Badel, Jonas Etter, Flora Klein, Michelle Kohler, Jérémie Sarbach, Remo Stoller und Raphael Stucky in Ernen. Wir wanderten, lernten uns kennen, tranken zuviel Weisswein und schlugen uns die Bäuche mit Raclette voll. Und in den nächsten Wochen, tröpfelten wunderbare Ideen für künstlerische Interventionen herein. Ernen hatte inspiriert. Aber nicht zu Überhöhung oder Idealisierung, sondern zu sensiblen Arbeiten, die auf verschiedene Arten aufgespürt werden können.

Und wieso der Titel «Zur frohen Aussicht», obwohl die Ausstellung doch gar nicht in diesem verfallenen Restaurant auf der Binnegga stattfindet? Das heruntergekommene Haus ist als Symbol zu verstehen. Es steht für die einstige Hochblüte und den darauffolgenden wirtschaftlichen Niedergang von Ernen, den Willi Wottreng in seinem Essay als Glück im Unglück interpretiert (zu lesen auf S. 7). Es steht aber auch für Engstirnigkeit und Weitblick, für Sehnsucht, für Gemeinschaft und Einsamkeit. Nicht zuletzt leiht das Restaurant der Ausstellung einen Titel, dessen feine Ironie unabdingbar ist, wenn eine Städterin nach Ernen kommt, um eine Kunstausstellung zu organisieren.

Ernen bedarf keiner Rettung durch Kunst, es ist ein (noch) funktionierendes Dorf mit intaktem Sozialleben und aufgeschlossenen Bewohner/innen. Dieser besondere, inspirierende, ja magische Ort verdient unsere Aufmerksamkeit.

In einer Diskussion mit der Künstlerin Flurina Badel schrieb sie mir Folgendes: «Kennst du das rätoromanische Volkslied God da Tamangur? Darin geht es um eine uralte Bergarve. Der Baum sagt: ‚Eu sun e stun e nu bandun, eu nu dun loc paust vaira. N’ha viss e sa cha minch’inviern fà lö a prümavaira.‘ Das heisst so viel wie: ‚Ich bin und bleibe und gehe nicht, ich gebe nicht auf, du wirst sehen. Ich habe es gesehen und weiss, auf jeden Winter folgt ein Frühling.‘ An diese Beständigkeit, Verwurzelung und Zuversicht erinnern mich die Apfelbäume von Ernen und auch an das grundsätzliche Überleben eines Dorfes. So lange sie frisch gepflanzt und gepflegt werden, gibt es sie. So lange es engagierte Menschen und Kinder gibt in einem Dorf, so lange gibt es das Dorf. Jérémie [Sarbach] und ich wir sind Kinder aus solchen Bergdörfern wie Ernen. Und wir stehen stellvertretend für viele andere: für die Raphaels und Floras und Emils und Josianes.»

Josiane Imhasly, Kuratorin

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