Michelle Kohler

Spiegelung

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Manchmal wenn man durch Ernen spaziert, entdeckt man in einem Fenster eine Spiegelung der Berglandschaft. Wie Gemälde wirken solche Spiegelungen in den Scheiben der alten, sonnengebrannten Holzhäuser. Ein Haus malt Landschaften. Vielleicht hat diese Erinnerung Michelle Kohler zu ihrer Arbeit «Spiegelung» inspiriert. Der Mensch ist Kohlers Thema und in ihren Fotografien und Installationen dennoch abwesend. Allgegenwärtig sind in ihrer Arbeit hingegen Häuser, genuin menschliche Objekte, die in Kohlers Fotografien so feinfühlig porträtiert werden, dass man fast meint, an ihnen menschliche Züge zu erkennen. Allgegenwärtig ist auch die Landschaft, die vom Menschen und seinen Häusern in Beschlag genommen wird oder unberührt bleibt. Eine Spiegelung bringt die Realität ins Wanken. Sie öffnet Fenster. Spiegelungen sind spielerisch, sie irritieren und verwirren. Sie werfen Fragen nach dem Selbst und dem Anderen auf, nach einem Gegenüber, nach dem Gegenüberliegenden. Sie weisen über sich hinaus, sind doppelbödig. Nicht zuletzt sind sie Objekte von glatter Schönheit und provozieren Eitelkeit. Sie stehen aber auch für Klugheit, Wahrheit und Selbsterkenntnis, sind häufig Elemente des Aberglaubens und standen in der Antike stellvertretend für die Seele. Mit ihrer Spiegelinstallation im Dorfbrunnen nimmt Kohler eines der wichtigsten Symbole Ernens auf. Ein ähnlicher Ursprung des Lebens wie das Haus, steht der Brunnen aber für eine grössere Gemeinschaft als die private häusliche.

Geboren in Chicago, aufgewachsen in diversen Kantonen der Schweiz, Studium der Bildenden Kunst in Zürich, Luzern und Reykjavík, wohnhaft in Emmenbrücke bei Luzern. Kohlers künstlerisches Interesse gilt Häusern, Bauten und Orten und ihren Spuren der Zeit. Was zu vergehen droht, wird nochmals erkundet und bearbeitet, oftmals über einen längeren Zeitraum: Zuerst mit der Fotokamera, enden kann es auch in einer Installation vor Ort.
— Michelle Kohler, *1981