Moritz Hossli

Warteräume und Galgenvogel

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Die beiden subtilen und poetischen Interventionen von Moritz Hossli haben mit dem Vergehen der Zeit und der Präsenz von Vergangenem in der Gegenwart zu tun. Ernens Dorfbild ist von vielen Spychern geprägt. Hier werden schon lange keine Lebensmittel mehr gelagert, die ehemaligen Nutzbauten stehen als Konserven aus einer vergangenen Zeit im Dorf. Hossli macht drei alte Spycher für die Öffentlichkeit zugänglich. Er räumt weg, was dort noch aufbewahrt wurde und macht die Holzkonstruktionen der Innenräume sichtbar. In diesen alten Räumen scheint sich die Zeit aufzulösen. Sie stehen als Warteräume mit ungewisser Zukunft da und laden zum Innehalten ein.

Im Rathaus, das bis Mitte des 19. Jahrhunderts Gericht und Gefängnis des Zenden Goms war, platziert Hossli einen goldenen Vogel. Dieser springt, begleitet vom typischen Kuckucks-Zweiklang, nach einem bestimmten Rhythmus aus dem obersten Fenster hervor. Als «Nestbeschmutzer» oder «Galgenvogel» ruft er nach Freiheit. Hossli fügt das «fremde» Objekt wie selbstverständlich in die Dorflandschaft ein. Zwar speisen sich die hier verwendeten Symbole aus der Vergangenheit. In ihrer Moral und Gerechtigkeit sind sie aber hochaktuell und global.

Aufgewachsen in der jüngsten Pfahlbauersiedlung im Giswiler Ried am Sarnersee. Als er genug von den periodischen Überschwemmungen hatte, zog er zuerst nach Luzern, dann nach Berlin, um sich dem Studium der Kunst zu widmen. Heute hält er sich als freischaffender Künstler und Filmemacher über Wasser. Dabei lässt er Landschaften und Räume zwischen Stadt und Land in ungewohnten Perspektiven aufleben.
— Moritz Hossli, *1990