Raphael Stucky

Camouflage

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Der Galgen auf dem Galgenhubel in Richtung Mühlebach ist visuell und atmosphärisch ein prägender Ort für Ernen. Er verweist auf die zentrale Bedeutung des Dorfs im ausgehenden Mittelalter, erinnert aber auch an Gewalt und staatliche Machtdemonstration. Heute erschaudern manche bei seinem Anblick, andere wiederum picknicken unbekümmert in seinem Schatten oder machen Schnappschüsse. Raphael Stucky rückt die sonst weissen Säulen mit seiner Intervention «Camouflage» in den natürlichen Hintergrund und bringt den Galgen zum Verschwinden. Zur Tarnung dieses gewaltbehafteten Denkmals liess Stucky sich von einer interessanten Tatsache inspirieren, auf die er während seinen Recherchen stiess: Im Ersten Weltkrieg wurden Künstler der Moderne als Tarnfarben-Maler eingesetzt. So fand die Auflösung des Gegenständlichen ins Abstrakte ihren Weg von der Bildenden Kunst in die Militärtechnologie. Nun wendet Stucky das Blatt, indem er den Galgen in die ihn umgebende Natur einbettet. Er sucht nach Geschichten, die die Landschaft erzählt und fragt nach der heutigen Bedeutung des Denkmals. Was passiert durch die Tarnung eines für das Dorfbild und die dörfliche Identität prägenden Ortes? Und welche Folgen hat diese «Verhüllung» eines Denkmals? Denn Stucky entfernt das «Denk mal!» nicht, sondern macht es sogar präsenter. Als wollte er zeigen, wie Machtdemonstrationen und Gewaltanwendungen heute zwar unsichtbarer und subtiler geworden, aber deswegen noch lange nicht verschwunden sind. Stucky zwingt uns, genauer hinzuschauen, weit über Ernen hinaus.

Im alten Dorfkern von Ernen aufgewachsen, war Stucky ein Kind ohne Berufswünsche. Jetzt ist er Künstler, Musiker und Kurator. Stucky hat in Basel, wo er heute lebt und arbeitet, Bildende Kunst studiert. Er ist ein aufmerksamer und feinfühliger Beobachter von alltäglichen Situationen und entdeckt faszinierende Kleinigkeiten, die sonst keinem auffallen.
— Raphael Stucky, *1989